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Home » Mobile Mapping » Interview: Mobile Mapping und Radwege

Home » Mobile Mapping » Interview: Mobile Mapping und Radwege

Interview: Mobile Mapping und Radwege

  • 21. Juni. 2025

Im Interview fordert Dr. Ulrike Stöckert von der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt) unter anderem eine eigenständige Definition des Radnetzes mit den zugehörigen Geometriedaten in Deutschland.

Dr. Ulrike Stöckert ist seit dem 1. Februar 2025 neue Leiterin der Abteilung Straßenbautechnik der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt) in Bergisch Gladbach. Ulrike Stöckert ist Bauingenieurin. 2020 folgte sie dem Ruf als Professorin an die Fachhochschule Aachen für das Lehrgebiet Straßenplanung und Straßenbau. Seit Juni 2021 ist sie Mitglied des Aufsichtsrates der DEGES Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH. Ulrike Stöckert ist seit vielen Jahren in verschiedenen Gremien der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) aktiv. Quelle: BaST

Frau Dr. Stöckert, wie steht es um den Zustand der Radwege in Deutschland allgemein?

Seit 15 Jahren fördert das Bundesministerium für Verkehr (BMV) die Studienreihe „Fahrrad-Monitor“ des SINUS-Instituts. Im aktuellen „Fahrrad-Monitor 2023“ gaben 40 % von insgesamt 3.253 Radfahrenden an, dass sie sich im Straßenverkehr unsicher fühlen, 38 % nannten als Grund den schlechten Zustand der Radwege. Das zeigt, dass für die Steigerung der Attraktivität des Fahrradfahrens nicht nur der Aus- und Neubau der Radinfrastruktur von Bedeutung ist, sondern auch die Bereitstellung von Radwegen in einem guten baulichen Zustand. Für die Zustandserfassung von Radwegen gibt es in Deutschland noch keine Standards. Zwar wurden in den letzten Jahren bereits Erfassungen in größerem Umfang durchgeführt, diese basieren jedoch auf unterschiedlichen Erfassungstechnologien, so dass Aussagen, wie es um den Zustand der Radwege in Deutschland steht, nicht anhand belastbarer Zustandsdaten möglich sind.

Man kennt die messtechnische Straßenbefahrung von kommunalen Straßen. Lässt sich das Verfahren einfach auf Radwege adaptieren?

In den letzten Jahren wurden im In- und Ausland auch messtechnische Zustandserfassungen von Radwegen mit Messfahrrädern und Messfahrzeugen durchgeführt, wobei sehr unterschiedliche Erfassungstechnologien genutzt wurden. Die Schadenscharakteristik auf Radverkehrsanlagen sowie deren Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit, den Fahrkomfort und den baulichen Zustand sind nur bedingt mit der Straße vergleichbar, deshalb ist die einfache Adaption der Verfahren der Straßenzustandserfassung hinsichtlich Messtechnik und Zustandsbewertung nicht ausreichend zielführend.

Wie verbreitet ist die Radwegebe­fahrung in deutschen Kommunen?

Insgesamt kann man feststellen, dass die Zustandserfassung der Radverkehrsinfrastruktur in den letzten Jahren an Bedeutung gewinnt. Einige Bundesländer haben bereits in den letzten 10 bis 15 Jahren messtechnische Zustandserfassungen von Radwegen an Bundes- und Landesstraßen durchgeführt. Dazu zählen Baden-Württemberg, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen. Auf kommunaler Ebene wurde zum Beispiel in der Stadt Lübeck der Zustand der Radwege mit einem Messfahrzeug erfasst und bewertet. Ein anderes Beispiel ist das ca. 78 km lange Teilstück des Radfernweges Berlin – Usedom und des Ostseeradweges in Mecklenburg-Vorpommern. In den Kommunen wurden messtechnische Zustandserfassungen bislang überwiegend im Rahmen von Pilotprojekten erprobt. Für die Zustandserfassung und -bewertung (ZEB) von Radwegen existieren in Deutschland derzeit noch keine einheitlichen Standards.

Welche Messwerte benötigt man für eine Zustandserfassung von Radwegen?

Im Forschungsprogramm Stadtverkehr (FoPS) wurde in den letzten drei Jahren unter dem Förderkennzeichen FE 70.0957 das Forschungsprojekt „Erfassung und Bewertung des baulichen Zustandes von städtischen Radverkehrsanlagen“ durchgeführt. Für die Festlegung relevanter Zustandsindikatoren zur Beschreibung des Fahrkomforts, von Teilaspekten der Verkehrssicherheit und des baulichen Zustandes von Radverkehrsanlagen wurden bautechnische Begutachtungen auf verschiedenen Radwegen in der Städteregion Aachen durchgeführt. Ein sehr häufiges Schadensbild auf Radwegen sind Unebenheiten durch Wurzelhebungen, die Höhendifferenzen bis zu 80 Millimeter zwischen dem Hochpunkt der Wurzelhebung und dem Sollniveau des Geh- und Radweges aufweisen können.
Ein anderes häufiges Schadensbild sind Risse in Form von Längs- und Querrissen sowie Risshäufungen, was durch geeignete Messtechnik im Zuge einer Zustandserfassung von Radwegen erfasst werden sollte. Im o.g. Forschungsprojekt wurde ein Messfahrzeug aufgebaut, das aufgrund seiner Abmessungen und Wendigkeit für die Befahrung von städtischen Radwegen sehr gut geeignet ist. Das Messfahrzeug ist mit verschiedenen Laser- und Kamerasystemen ausgestattet. Die Erfassung der Oberflächenschäden wie Risse, Ausbrüche und Abplatzungen erfolgt mit einer auf die Oberfläche des Radweges gerichteten Flächenkamera. Mit dem Ziel der Erfassung eines 2D oder 3D Profils der Radwegeoberfläche wurden im Projekt mögliche Technologien für die Erfassung detaillierter Höheninformationen untersucht. Gewählt wurde eine Stereokamera die eine 3D Punktewolke mit entsprechenden Höheninformationen liefert.

Ist die Erfassung der umliegenden Vegetation wichtig?

Zustandserfassung von Radwegen in Aachen mit dem im Rahmen des FoPS-Forschungsprojekts FE 70.0957 entwickelten Messfahrzeug. Quelle: BaST

Gerade im innerstädtischen Bereich sind an Geh- und Radwegen Baumpflanzungen vorhanden. Durch oberflächennahes Wurzelwachstum wird hier der Fahrbahnbelag sehr ungleichmäßig angehoben und es entstehen mitunter sogar Gefahrenstellen. Andererseits prägen Bepflanzungen und Baumbestände das Landschafts- und Stadtbild, spenden Schatten und erfüllen wichtige ökologische sowie gestalterische Funktionen. Um Schäden durch Wurzelhebungen zu vermeiden, ist es wichtig, im Zuge von Neu- und Erhaltungsmaßnahmen gute technische Lösungen wie Wurzelbrücken und Wurzelsperren zu planen.

Wie sieht es mit dem Grünbewuchs auf der Oberfläche des Radweges und der Grünbewuchs im Lichtraum aus?

Dies sind wichtige Informationen für die Bewertung des Fahrtkomforts und der Verkehrssicherheit. Grünbewuchs, der sich auf der Oberfläche von Radwegen oder vom Randbereich ausbreitet führt zu Beeinträchtigungen der verfügbaren Breite des Radweges. Grünbewuchs im Lichtraum führt zur Einengung der erforderlichen Verkehrs- und Sicherheitsräume. Vor diesem Hintergrund kann im Rahmen einer messtechnischen Zustandserfassung von Radwegen die Erfassung des Grünbewuchses zweckmäßig sein. Die eingesetzten Erfassungstechnologien lassen grundsätzlich auch die Aufnahme der umliegenden Vegetation zu. Hier liegt die Entscheidung bei der Kommune, ob diese Daten für den Betriebsdienst dienlich sind und Arbeitsabläufe erleichtern können.

Wie weit sind wir noch von Netzdaten für Radwege in der Verwaltung entfernt?

Aktuell gibt es in den Kommunen und Bundesländern verschiedene Informationen zum Radwegenetz. Hierzu gehören die Straßeninformationsbanken (SIB) der Bundesländer, landesweite Routenplaner für Alltags- und Freizeitverkehr, die meist über die SIB hinausgehende Informationen bieten. Es existieren auch verschiedene Apps bzw. Navigationssysteme für den Radverkehr, wie Komoot oder Naviki auf Basis frei zugänglicher Kartengrundlagen. Trotz dieser vielfältiger Daten fehlt bisher eine bundesweit einheitliche Grundlage für das Radnetz. Für eine Zustandserfassung von Radwegen ist eine eigenständige Definition des Radnetzes mit den zugehörigen Geometriedaten erforderlich. Die Definition des Straßennetzes wird in der Anweisung Straßeninformationsbank (ASB) verbindlich beschrieben. Um neben dem klassifizierten Straßennetz auch das kommunale Straßennetz und weitere additive Netze zu definieren, z. B. Radverkehrsnetze, gibt es in der Fachgruppe ASB die Unterarbeitsgruppe „untergeordnete Netze“. Im letzten Jahr wurde die AG Radnetz gegründet, die einen Vorschlag zur Integration des Radnetzes in die ASB erarbeitet hat. Für die Umsetzung sind die Verwaltungen zuständig.

KI ist für die Auswertung von Massendaten enorm wichtig. Wo steht man bei der Bewertung von Verkehrswegen? Was geht bereits, was noch nicht?

Die BASt befasst sich derzeit mit der Erarbeitung grundlegender Voraussetzungen für den Einsatz von KI-basierten Verfahren zur automatisierten Auswertung von Bilddaten im Rahmen der Straßenzustandserfassung. Eine zentrale Herausforderung besteht nach wie vor in der großen Varianz von Rissbildern und -ausprägungen. Während geometrisch klar definierte Strukturen von KI-Modellen zuverlässig erkannt werden können, stellen unregelmäßige Formen und uneinheitliche Konturen eine deutlich größere Schwierigkeit dar. Insgesamt verfügen KI-gestützte Ansätze über ein erhebliches Potenzial für die teil- oder vollautomatisierte Analyse bildbasierter Zustandsdaten, das zunehmend erschlossen und praktisch angewendet wird.

www.bast.de

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